Kommentiertes Auflegen mit Klaus Walter, Hits aus Ronnebergers Plattensammlung mit Zuspielungen von Jochen Becker: Mehr Musik und Gespräche mit Manuela Bojadžijev, Jonas Tinius, Kim Feser, Nicolette Naumann und weiteren Gästen & Freundinnen…
Anlässlich des ersten Todestages von Klaus Ronneberger veröffentlichen wir einen Text von Laura Strack und Moritz Hannemann. Darin erinnern sich die beiden wenige Wochen nach seinem Tod an die gemeinsame Arbeit am Projekt Place Internationale sowie am Buch „Baustelle Commune. Henri Lefebvre und die urbane Revolution von 1871“.
Zunächst habe ich es nicht verstanden, als ich auf dem Gesicht eines politisch engagierten und keineswegs inbrünstig katholischen Freundes in Rom eine Art tiefe Betrübnis über den Tod Jorge Maria Bergoglios sah. Ist doch elegant, dachte ich, als Papst mit 88 an einem sonnigen Ostermontag zu sterben! Zwei Tage später titelte DIE ZEIT: „Der letzte Linke?“ und ich bekam eine leise Ahnung. Was auch immer man ihm kirchenpolitisch ankreiden möge, in Sachen Migrations- und Sozialpolitik sei Franziskus der „letzte einflussreiche Linke der Welt“ gewesen. Giorgia Melonis Regierung dekretierte derweil, die Feierlichkeiten zum 25. April, dem Jahrestag der Befreiung Italiens vom Nazifaschismus durch die Aktionen der Resistenza, sollten wegen des Papstbegräbnisses so „nüchtern“ wie möglich erfolgen. Klaus Ronneberger ist am 24. April, dem Donnerstag nach Ostermontag gestorben, und als ich davon erfahre, muss ich unwillkürlich an den toten Papst denken, an das abgesagte Fest und an das konfessionslose Entsetzen über eine Welt, die den Herrschsüchtigen, Gewaltbereiten, Raffgierigen und Gnadenlosen überlassen scheint. „Es wird viel braune Scheiße auf uns regnen“, lautete Klaus‘ Neujahrsgruß im Winter 23/24, und auch daran muss ich denken, wie er das gesagt hat: mit mürrischem Zorn, untergründigem Humor, selbstverständlicher Kameradschaftlichkeit und – genau, da war sie schon mal – einer Art tiefer Betrübnis. Die Nachricht von Klaus‘ Tod kam weniger überraschend als plötzlich. Unvermutet, aber nicht aus heiterem Himmel. Ich suche nach Worten und beginne mit abgegriffenen Worthülsen, am Tag der Nachricht, am Tag danach, auch eine Woche später habe ich nur Plattitüden zur Hand. Dazu gehört auch, dass wir schon länger nichts mehr voneinander gehört hatten, zu lange hatte ich schon nicht mehr angerufen oder geschrieben, mehr als eine Gelegenheit zum Besuch wurde verpasst. Aber nicht davon ist zu sprechen, sondern von der gemeinsamen Zeit, den Gesprächen, Unternehmungen, Diskussionen, Interessen, Leidenschaften, Projekten und Begegnungen. Und überhaupt von der Begegnung mit Klaus, die Spuren hinterlassen hat – in mir, in uns, in vielen, das ist offenkundig und es tut gut, darum zu wissen, davon zu hören, sie zu sehen und zu spüren. Es ist sogar tröstlich, trotz und angesichts der Umstände. Einige davon hatte Klaus kommen sehen mit der ihm eigenen Mischung aus Realismus und Defaitismus, und trotz allem mit Willen zur Utopie. „Ich bin ein Partisan des Möglichen“ – Klaus liebte diese Formulierung von Henri Lefebvre. Ich kann mich täuschen, aber ich glaube, er sagte, das solle auf seinem Grabstein stehen. Mehr als einmal griff er auf sie zurück und er wählte sie auch als Titel für einen seiner letzten Texte zu Lefebvre. In diesem Aufsatz, der in unserem gemeinsamen Buch Baustelle Commune. Henri Lefebvre und die urbane Revolution von 1871 erschienen ist, porträtiert Klaus seinen Lieblingsdenker und spirituellen Meister als hadernden Marxisten, der an den bürokratischen und totalitären Abwegen der Nachkriegsgesellschaften nachgerade verzweifelte, den staatlich-institutionell verursachten Schließungen jeglicher Art jedoch grundsätzlich die Hoffnung einer ereignishaften Öffnung „von unten“ entgegensetzte. Solange es noch „die Leute“ gebe, die sich und einander als Teil einer gemeinsamen Welt begreifen, Feste feiern, sich die eigene Handlungsfähigkeit nicht streitig machen lassen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, bleibe die Geschichte „im Werden“, seien die Würfel sozusagen nicht abschließend gefallen. Auf dem Möglichen zu beharren ist somit eine konkrete Praxis des Widerstands im Angesicht kommender Finsternis – und in diesem Sinn ist der Begriff „Partisan“ sicher nicht zufällig gewählt. Dass Faschismus und Resistenza – die Herrschaft gemäß dem Gesetz des Stärkeren und der Widerstand als lebensbejahendes Geflecht der Ungehorsamen – von grundverschiedener Qualität sind, und dass es wesentlich auf diesen Qualitäts- oder Stilunterschied ankommt, auch daran wurde ich in dieser merkwürdigen Woche nach Ostern erinnert. Und jetzt lese ich es in diesem kleinen Satz wieder, mit dem Klaus Lefebvre nachschreibt. Baustelle Commune hatte einen Kontext, an dem Klaus sehr hing. Es ging aus dem Projekt Place Internationale hervor, dass das 150-jährige Jubiläum der Pariser Commune mit dem Umzug des FFT Düsseldorf, das bis dato an zwei verschiedenen Standorten untergebracht war, in eine neue, zentrale Spielstätte verband. Dieser Umzug war weniger Resultat einer kulturpolitisch gewollten Stärkung dieses Produktionshauses für freie darstellende Künste, sondern vielmehr von Prozessen der Stadtentwicklung, bei denen in öffentlichem Besitz befindliche Immobilien privatisiert und Modelle der Public Private Partnership initiiert werden – angetrieben von Investoreninteressen und dem Bemühen um die Konsolidierung kommunaler Haushalte. Das FFT begleitete diesen Umzug mit der Arbeitsgruppe Stadt als Fabrik rund um Kathrin Tiedemann, Jochen Becker, Jan Lemitz und Klaus. Ausgehend vom Zusammenhang von Stadtentwicklung und Logistik befragten sie die uns umgebende (und das heißt unbedingt: uns betreffende) Produktion und Transformation urbaner Lebenswelten und luden dazu ein, sie kritisch zu diskutieren – im Beharren auf der Notwendigkeit der Kritik ebenso wie auf den Gestus der Einladung. Schließlich konzipierten sie Place Internationale – das letzte große Projekt von vielen, an denen Klaus im Laufe seines Lebens beteiligt war. Hier haben wir Klaus kennengelernt. Gemeinsam mit ihm haben wir uns die „Lefebvre-Werkstatt“ ausgedacht – einen Workshop zur Lektüre und Diskussion von Lefebvres La proclamation de la Commune, einem Buch von 1965, das wir auszugsweise erstmals ins Deutsche übersetzten. Einerseits kreiste die Werkstatt um zwei ausgewiesene Spezialgebiete des Historikers und Stadtsoziologen Ronneberger – die Pariser Kommune als Schlüsselereignis linker Bewegungsgeschichte und das Werk des französischen Intellektuellen. Andererseits erwies sie sich auch als Raumzeit eines gemeinsamen Lernens. Freigiebig stellte Klaus sein Wissen über Lefebvre und die moderne Stadtentwicklung zur Verfügung und in Form von aufgehängten Fotografien, Karten, Schaubildern auch buchstäblich in den Raum. Mit ihm liefen wir durch die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts – vom slumartigen „Maquis“ des Elendsviertels Montmartre über die imposanten Großbaustellen des Baron Haussmann bis zu den stolz bewachten Barrikaden der Kommunard:innen – und trafen uns auf ein Bier mit Lefebvre über den Dächern der postmodernen Planstadt Mourenx. Gleichzeitig wurde bereits während der Werkstatt, ganz besonders aber in der anschließenden Arbeit am Buch deutlich: Auch Klaus hatte ein Interesse an dieser Konstellation; an dem, was da im Laborkontext eines Theaterfestivals an Leuten, Intuition und Praxis zusammenkam. Zum Beispiel begeisterte er sich für die oft kleinteilige und im Zwischen der Möglichkeiten navigierende Übersetzungsarbeit, für das mündliche Vorlesen der Textfassungen und für das, was wir bald unter dem Begriff „Stil“ diskutierten: Lefebvres sonderbare, von Brüchen, Widersprüchen und Ungereimtheiten unverkennbar geprägte Schreib- und Denkweise. Einen Text zu übersetzen bedeutet, sich an seinem Stil wie an einer eigentümlichen Form zu stoßen. Es bedeutet, sich an einer bestimmten Oberfläche, Konsistenz, Textur zu reiben und auf diese Weise mit etwas sehr Konkretem, Handfesten in Berührung zu kommen, das man die Materialität dieses Textes nennen kann. Dass diese manifeste Sinnlichkeit selbst sinnhaft ist, und dass es sich lohnt, diesem doppelten Sinngeschehen hinterherzudenken – wie Lefebvre selbst es in Bezug auf den festlichen Stil der Kommune tat – war für uns ‚Theatermenschen‘ und professionelle Nicht-Spezialisten erstaunlicherweise selbstverständlicher als für Klaus. Es mag ihn, in seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit Lefebvre, noch eine kleine Runde weitergebracht haben. Der Weg, den wir zusammen zurückgelegt haben, verband Düsseldorf mit Paris, das Ruhrgebiet mit Frankfurt, italienische Hafenstädte mit kroatischen Inseln, Hamburg, Wien und Berlin, Zentrum und Peripherie – ohne Anspruch auf Vollständigkeit und mit unzähligen Abschweifungen. Meistens waren wir zu Fuß unterwegs, manchmal auch mit dem Bus und einmal mit einer „Untergrundbahn auf dem flachen Land“ auf der Suche nach Orten und Dingen, „die weder Städte noch Dörfer noch Vororte“ sind, wie es Georges Perec, einer von Klaus‘ vielen Lieblingsautoren, an einer Stelle beiläufig formulierte. Die Exkursion mit der U79 von Düsseldorf nach Duisburg war der nicht ganz erstgemeinte, doch von etwas Hoffnung getragene Versuch, Lefebvres Beschreibung und Analyse der Vorgänge von 1871 in den Stadtraum von heute zu tragen und einen produktiven Umgang mit ihnen zu erproben: sie zu lesen, zu Gehör zu bringen, über sie nachzudenken, bestenfalls gemeinsam, mit neuen Kontexten zu konfrontieren und sie gewissermaßen auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen in Anbetracht der sich fortlaufend verändernden Stadtlandschaften und gesellschaftlich-politischen Gemengelagen, die uns umgeben. Wir waren zwar nicht immer derselben Meinung über die einzelnen Versuche und ihre Bewertung, aber wir waren uns einig in dem Wunsch, einige der Fäden und Pfade in einem Buch zusammenzuführen. Das geschah an und zwischen vielen Orten und Menschen, aber nirgendwo so wie in Klaus‘ Frankfurter Wohnung, umgeben von Büchern und Bildern, Geschichten und Geschichte und getragen von einer Gastfreundschaft, die nichts anderes war als eine weitere Art des Umgangs mit Lefebvres Text, dem Erbe der Commune, mit uns und den Verhältnissen der Gegenwart. Lefebvre hielt es nicht nur für bemerkenswert, dass die Commune „das größte Fest des Jahrhunderts“ war, er hielt es für entscheidend. Er hielt es für entscheidend, dass die Kommunard:innen der harten Realität von Krieg, Belagerung, Hunger, Ausbeutung und politischer Feigheit mit wilder Vorstellungskraft, handwerklicher Regsamkeit und vor allem mit Affirmation begegneten, mit einem unbedingten Ja zum möglichen Anderen, zu Freundschaft, Solidarität, Friedlich- und Verbindlichkeit, gegenseitiger Aufmerksamkeit und Hilfe, nicht zuletzt Genuss. In diesem Sinn ist es auch nicht nur bemerkenswert, dass unser Arbeitstisch in Klaus‘ Wohnzimmer auch der gemeinsame Essenstisch war, dass Klaus fantastisch Polpo kochen konnte und den Gemüsehändler um die Ecke mit Namen kannte, dass er vom Studentenjob im Plattenladen und den regelmäßigen Toskana-Aufenthalten nicht minder schwärmte als von Staatskritik und der Roten Ruhrarmee, dass er wie besessen Zeitung las, und zwar am liebsten im kurdischen Imbiss auf dem Lidl-Parkplatz an der Erkrather Straße – man könnte eine Perec’sche Liste schreiben über Klaus‘ Meisterschaft im guten Leben. Noch einmal mit Lefebvre und natürlich mit Marx: Bei Klaus konnte man eine angewandte Kritik des Alltagslebens erfahren, eine Praxis, die nicht rein individuell oder egoistisch ist, sondern gesellschaftlich oder vielmehr gemeinschaftlich und zutiefst großzügig. Die „die Welt verändert“, statt sie „nur zu interpretieren“, und zwar, indem sie das (Zusammen-)Leben ändert: „bis ins Detail, bis in seine Alltäglichkeit“. Was Lefebvre in den Texten des jungen Marx gefunden und worauf Klaus immer wieder hingewiesen hat, haben wir auch bei Klaus entdeckt – in den kleinen Gesprächen, eher am Rand der Städte als in ihren unwirtlichen Zentren, in den Diskussionen, so unnachgiebig sie auch geführt wurden und werden mussten, denn auf sie kam es an, in den Einladungen, die Klaus ausgesprochen hat, bei einem Glas Weißwein, beim Essen, beim Musikhören, in den Versammlungen, die er sich gewünscht und auf die er sich gefreut hat und für die er bereit war, mehr als nur Umstände in Kauf zu nehmen. In all dem, was den Alltag übersteigt und „Fest“ wird, auf die eine oder andere Art und Weise – oder besser: auf beide. Und eben das haben wir auch in der Pariser Commune wiedergefunden und in Lefebvres Buch über diese, das einen Haufen Bruchstücke versammelt und gerade darin einlöst, was es zu begreifen versucht. Es hätte seinen Gegenstand verfehlt, wenn es ihn zu beherrschen vermocht hätte. Klaus mochte und vermochte es, unter Leuten zu sein: als Vortragender und Lehrer, der freigiebig, mitunter ausufernd sein Wissen ausbreitet, als Diskussionsteilnehmer, dem Aufrichtigkeit wichtiger ist als Harmonie, als Genosse, der sich mit Gruppendynamiken auskennt und weiß, dass langwierige oder langweilige Situationen manchmal einfach abzusitzen sind. Klaus‘ vielfältiges, um nicht zu sagen widersprüchliches Vermögen, sich gemein zu machen, erscheint uns wie eine Gegenkraft zu seinem Defätismus, zu seiner verzweifelten, teils schwarzmalerischen Sorge um den Fortgang der Dinge. In seinem Buch Peripherie und Ungleichzeitigkeit überlässt er das letzte Wort nicht Lefebvre, sondern einem weiteren seiner besten Freunde im Geiste: Pier Paolo Pasolini. Er zitiert dessen Antwort auf den Vorwurf, als Gesellschaftskritiker mit allzu „dystopischen“ Bildern zu operieren: „Ich gebe zu, meine Vision ist apokalyptisch. Aber wenn neben ihr und dem Unbehagen, das aus ihr hervorgeht, nicht gleichzeitig auch Platz wäre für Optimismus; wenn ich also nicht auch daran glauben würde, dass die Möglichkeit bestünde, gegen all das zu kämpfen, dann wäre ich ganz einfach gar nicht hier, unter euch, um zu reden.“ Laura Strack und Moritz Hannemann im Mai 2025.
